Sifu Nils Ring: erster Deutscher in der Ip-Man-Familie, einziger Vertreter der Cho Family

Die Cho-Familie in ihrer Trainingshalle: Erwachsene und Kinder unter der Tafel 結義群英 und den Fahnen des Cho-Kwoon

Wer traditionelles Wing Chun sucht, stößt früher oder später auf eine Frage, die sich am Vereinsschild nicht ablesen lässt: Woher kommt das Kung Fu, das hier unterrichtet wird? Bei Kung Fu Spirit in Wittelsberg bei Marburg lässt sie sich mit zwei Jahreszahlen und zwei Familien beantworten.

Foshan, 2008: die Aufnahme in die Ip-Man-Familie

Foshan in der südchinesischen Provinz Guangdong ist der Ort, an dem Ip Man aufwuchs und unterrichtete, bevor er nach Hongkong ging. Dort wurde Nils Ring im Jahr 2008 in einer traditionellen Teezeremonie in die Ip Man Family aufgenommen – als erster Deutscher.

Das ist kein Zertifikat, das man beantragt, und keine Prüfung, die man besteht. Es ist eine Entscheidung der Familie, und sie fällt selten. Wer aufgenommen wird, gehört dazu – mit allem, was daran hängt: Zugang zum Lehrstoff, aber auch die Verpflichtung, ihn nicht zu verwässern.

Was bei einer Teezeremonie geschieht

In der chinesischen Kampfkunst ist nicht die Urkunde der verbindliche Akt, sondern die Teezeremonie. Der Schüler reicht dem Lehrer mit beiden Händen eine Schale Tee. Nimmt dieser sie an und trinkt, ist die Aufnahme vollzogen – vor Zeugen, vor den Ahnentafeln der Schule.

In der europäischen Vorstellung klingt das nach Folklore. In der Linie selbst entscheidet dieser Moment darüber, wer welches Wissen überhaupt zu sehen bekommt.

2025: die Aufnahme in die Cho Family

Siebzehn Jahre später folgte ein zweiter Schritt, der in Deutschland bis heute einmalig ist. 2025 wurde Nils Ring – wieder per Teezeremonie – in die Cho Family aufgenommen. Er ist der Einzige, der diese Familie in Deutschland vertreten darf.

Ban Chung Wing Chun der Cho Family ist ein sehr ursprünglicher Zweig dieser Kampfkunst, der direkt von der roten Dschunke stammt und in der westlichen Welt kaum bekannt ist. Die Familie ist traditionell eingestellt und gibt ihr Wissen nur an ausgewählte Schüler weiter. Genau das ist der Grund, warum man diesen Stil in Europa so selten findet: nicht weil er verloren gegangen wäre, sondern weil er nie breit weitergegeben wurde.

Wie dieser Weg vom Ip Man Wing Chun zum Cho Gar verlief, hat Sifu Nils Ring in einem eigenen Beitrag beschrieben: Cho Gar Kung Fu – zurück zu den ursprünglichen Wurzeln des Wing Chun.

Über 30 Jahre Kampfkunst – und ein Beruf daneben

Nils Ring trainiert seit über 30 Jahren Kampfkunst. Er ist von der Ving Tsun Athletic Association (VTAA) in Hongkong zertifizierter Lehrer im Ip Man Wing Chun und unterrichtet neben Wing Chun auch Dim Mak, die Lehre der Vitalpunkte, und Chin Na, die Greif- und Hebeltechniken. Dazu kommen Qualifikationen als Lehrer für Gewaltprävention und Deeskalation sowie für Chi Gong.

Ebenso prägend für seinen Unterricht ist etwas, das mit Kampfkunst zunächst nichts zu tun hat: Er arbeitet als pädagogischer Mitarbeiter im Hofgut Friedelhausen. Der Umgang mit Menschen, die unterschiedlich lernen, unterschiedlich schnell sind und unterschiedlich viel Nähe aushalten, ist für ihn Berufsalltag – nicht nur Trainingsraum. Daraus ist unter anderem das inklusive Angebot für Menschen mit Behinderung entstanden.

Was das für Schüler bei Marburg bedeutet

Herkunft allein macht keinen guten Unterricht. Sie entscheidet aber darüber, was überhaupt unterrichtet werden kann. Kampfkunst wird in Linien weitergegeben, und je mehr Stationen zwischen der Quelle und dem Trainingsraum liegen, desto mehr geht unterwegs verloren – wie bei der stillen Post.

In Wittelsberg sind es keine Stationen. Korrekturen kommen aus erster Hand, Fragen lassen sich in der Familie klären, und was im Training gezeigt wird, ist nicht die Interpretation einer Interpretation. Für Schülerinnen und Schüler aus Marburg, Kirchhain, Stadtallendorf und dem Ebsdorfergrund heißt das: Sie lernen vor der Haustür etwas, wofür andere nach Hongkong reisen.

Selbst ein Bild machen

Abstammungslinien liest man am besten nicht nach, sondern spürt sie im Training. Ein Probetraining bei Kung Fu Spirit ist kostenlos und unverbindlich, für Erwachsene wie für Kinder, mit und ohne Vorkenntnisse.

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